The Tiger Is Me (Mon/Nagaland)
1996 begann ich, Nordostindien zu bereisen. Zehn Jahre lang wurden die sieben bergigen Bundesstaaten zwischen Tibet und Myanmar – die „Sieben Schwestern Indiens“ – mit ihren mehr als 500 ethnischen Gruppen und noch mehr Sprachen sowie ihren kulturellen Traditionen, die über 60 Jahre lang unzugänglich gewesen waren – zu meinem zweiten intensiven Forschungs- und Dokumentationsgebiet im Bereich der Ethnografie.
Eine einzigartige kulturelle Tradition, die viele ethnische Gruppen in diesem Gebiet von der Größe Westeuropas teilen, ist der Glaube an die Lykanthropie – die Fähigkeit von Menschen, sich in ein Raubtier zu verwandeln (Wölfe und Bären auf der Nordhalbkugel, Löwen und Tiger im Süden).
1994 drehte mein Freund, der indische Filmemacher Pan Nalin, als Erster einen Dokumentarfilm im ehemals verbotenen Bundesstaat Nagaland, wo ebenfalls vielerorts an die Lykanthropie geglaubt wird und sie daher auch in seinem Film eine Rolle spielt. In den folgenden Jahren traf ich selbst eine ganze Reihe von Naga-Lykanthropen, interviewte sie und machte sie zum Thema einer Dokumentation für das deutsche Fernsehen. Ein Satz aus dem Kommentar in Nalins Film sowie Originalaufnahmen eines Konyak-Naga-Mädchens, das ihre Freundin vor einem in der Nähe im Dschungel lauernden Tiger warnt, dienten als Ausgangspunkt für die Komposition, in der auch Gesänge von Ao-Männern auf dem Feld und Konyak-Ältesten im Männerhaus Morung zu hören sind.
Ursprünglich 1999 gemeinsam mit dem Gitarristen Tilmann Höhn und dem Warr-Gitarristen Kuno Wagner entwickelt und aufgenommen, habe ich das Stück 2013 neu interpretiert und ergänzt.